Die Zündorfer Judengemeinde

Den Teilnehmern beider Weltkriege wurde ein Denkmal gesetzt, ein Denkmal für die
Opfer der vom Rassenwahn ermordeten friedlichen jüdischen Mitbürger, zugleich auch ein Mahnmal
und Warnung für die Lebenden, ist nie errichtet worden.
Die Mahnung an Toleranz und Menschlichkeit wurde nur von wenigen Bürgern nach 1945 in Form
der Pflege des kleinen jüdischen Friedhofes in Zündorf wahrgenommen.
So war auch Paul Adenauer als Vikar der Pfarre St. Joseph um die Instandhaltung bemüht.

Die jüdische Gemeinde ist unmittelbar in der Nähe der ältesten Gemeinde auf deutschem Boden,
der Kölner Gemeinde, entstanden.
Die wirtschaftliche Bedeutung von Niederzündorf dürfte die Hauptursache dafür gewesen sein,
daß sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts Juden in Zündorf niedergelassen haben.
Bis zum wirtschaftlichen Niedergang Zündorfs durch die Aufhebung des Kölner Stapels
(de facto 1794, de jure 1831) hatten die seit fast 2 Jahrhunderten in Zündorf nachweisbaren jüdischen
Familien durch einige Generationen hindurch Wohlstand und Ansehen erworben.
Es waren natürlich keine reichen "Hofjuden", es waren ausschließlich "kleine" Leute: Händler,
Rossärzte und andere Berufe.
Dies bestätigen auch die in den Personenstandsbüchern aufgeführten Berufsangaben.
Schon Mitte des 18. Jahrhunderts sind Juden im Zusammenhang mit dem lebhaften Handelsverkehr
in Zündorf bezeugt, sie erscheinen als Haus-und Grundbesitzer, aber auch als Geldgeber.
Die Zündorfer Juden betätigten sich auch im Immobiliengeschäft, so ersteigerte ein Andreas Salomon
(der auch oft als Geldgeber erwähnt wird) 1820 und 1821 10 Parzellen,die er später dem Handelsmann
S. Cohen überliess,ausserdem ersteigerte er Ländereien in Heumar, Herrenstrunden und Langel.

Die Kriegslasten des Herzogtums Berg nach der französischen Revolution veranlassten den Landesherren
1793 eine Industriesteuer zu erheben, dazu wurde bemerkt:
". . . daß die Industrie von Porz von geringem Belang sei und das in diesem Amt weder Kapitalisten,
noch Kaufleute, noch Fabrikanten anzutreffen seien,welche mit denen, wie sie anderwärts unter dem Namen
vornehmer und großer Häuser verstanden werden,verglichen werden könnte!"
In der Übersicht erschienen unter 55 Namen, die Namen:Andreas Salomon, Moses Cohn, Jud Bracher
und Wwe. Salomon. Daraus geht hervor, daß sich diese 4 jüdischen Familien bereits um 1800 eines
gewissen Wohlstandes erfreuten. In der Mairie Wahn lebten 1811 31 Juden, alle in Niederzündorf, denn:

"daß einzig in Niederzündorf Israeliten lebten,deren Anzahl besteht aus 28 Seelen.!"
Wo die 3 restlichen Seelen gelebt haben,entzieht sich unserer Kenntnis!

Am 12.03.1817 schrieb die preuss.-königl. Regierung in Köln: "da, wie es verlautet.viele Juden,
besonders auf dem platten Land, noch immer einen höchst schändlichen Wucher und unerlaubten
Handel treiben, so veranlassen wir Sie genaue Erkundigungen einzuziehen."
Trotz aller Aufklärung spricht aus dieser Regierungserklärung das alte Mißtrauen.

Die Niederzündorfer Spezialsynagogengemeinde ist aus der Mühlheimer Synagogengemeinde
hervorgegangen.

Statut für die Synagogengemeinde des Kreises Mühlheim:
"§ 2: die Synagogengemeinde des Kreises Mühlheim/Rhein umfasst den Bezirk nach dem ganzen
Kreis Mühlheim
§ 1: sie zerfällt in folgende Unterabteilungen oder Spezialsynagogengemeinden:
1) Mühlheim
2) Zündorf ( mit Heumar,Wahn und Rösrath)

Dieses Statut trat am 3.4.1865 in Kraft und umfasst insgesamt 102 Paragraphen.
Zu dieser Zeit bestand die Synagoge in Niederzündorf nach wie vor nur aus einem Betsaal, der aber für
die wachsenden Bedürfnisse der sich erweiternden Gemeinde nicht mehr ausreichte.
Das Grundstück,auf dem in Niederzündorf (heute Hauptstr. 159) die Synagoge gebaut werden sollte,
hatten die dortigen jüdischen Handelsleute Lazarus Meyer und Simon Salomon der Gemeinde teilweise
verkauft, aber auch geschenkt.
Dazu berichtet die Zündorfer Pfarrchronik:
"die Juden erbauen sich eine Synagoge, d. h. ein Zimmer,ein Gelass,welches als Synagoge dienen soll.
Die zu Gunsten derselben bewilligte Hauskollekte bei den Israeliten der Rheinprovinz hat angeblich einen
kärglichen Betrag aufgewiesen!"

Im Jahr 1882 findet sich folgende Eintragung in der Zündorfer Pfarrchronik:
"die jüdische Synagoge ist nach vielen Anstrengungen fertig, die Feier verlief unter der Teilnahme vieler
auswärtiger Juden programmgemäß ab. Natürlich waren auch in der Synagoge mehere von Neugier
getriebene Christen!"
Auf den Chronisten machte weiter " der Zug aus der Ferne besehen" den Eindruck:
"alter und veralterter Plunder,aufgefirrnist und öffentlich gezeigt!"
Aus dieser Beschreibung spricht eine Einstellung wie wir sie durch die Jahrhunderte hin kennen!
Nicht alle Bürger dachten so,viele Zündorfer Bürger beflaggten ihre Häuser und nahmen an den
Feierlichkeiten teil.

Ein Menschenalter später gab es diese beiden Gruppen noch immer,dies zeigte sich besonders deutlich,
als während der NS-Zeit die unschuldigen Opfer des Rassenwahns in die Sammellager und Gaskammern
abtransportiert wurden:von den einen zutiefst bemitleidet, oft genug versuchten sie noch zu helfen, während
andere ihre Genugtuung nicht verhehlen konnten und ihrem durch die "Führung" noch geschürtem Hass
Luft machten.
Schon vor dem ersten Weltkrieg begannen Juden, die bisher nur als kleine Gewerbetreibende in Erscheinung
getreten waren, bei dem Aufbau der Porzer Industrie eine Rolle zu spielen.
Am 1.9.1900 nahm die Dampfhobel- und Sägewerkfabrik Dülken an der Porzer Hauptstr. ihren Betrieb auf.
Die Besitzer dieser Parkettfabrik waren Karl, Ernst und Isidor Dülken die ebenso wie ihr Geschäftsführer
Isidor Wallerstein nicht in Porz wohnten.
Ebenso begann im Mai 1901 die Firma Meirowsky mit der Herstellung von Isoliermaterial für elektrische Anlagen.
Der Bruder des Fabrikbesitzers erhielt im 1. Weltkrieg das "Eiserne Kreuz": Oberarzt Dr. Emil Meirowsky.
Nach dem 1. Weltkrieg begannen Juden in die Großstädte zu ziehen, Auswanderungen sind nahezu unbekannt.
Der politische Druck der NS-Zeit veranlasste auch die Brüder Dülken die Holzfirma zu verkaufen und in die Niederlande
auszuwandern.

Am 21.6.1937 übernahmen L.- und H. Krages und Johannes Köster die Holzfabrik.
Auch die Fa. Meirowsky wechselte den Besitzer: seit dem 3.9.1941 hieß sie Dielektra AG.
Dielektrikum kommt aus dem griechischen und heißt: Stoff ohne elektrische Leitfähigkeit, Mehrzahl Dielektra !

Die Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in Niederzündorf verschlechterte sich so schnell, daß ihr Gemeindeleben
bald zum erliegen kam,sichtbares Zeichen dafür war die Veräusserung der Synagoge am 9.2.1938.
Der dem Gebäude benachbarte Jude Salomon weigerte sich, sein Einverständnis zum Umbau der Synagoge
in ein Einfamilienhaus zu geben.
Ob es sich bei dem Keller, der ostwärts der Synagoge im Hof lag und der 1939 eine Betondecke erhielt,
einstmals um ein rituelles Bad handelte, ist leider immer noch nicht erwiesen.
Auch die Zündorfer Juden blieben vom Schicksal der Deportation nicht verschont.
Die Mitglieder der Synagogengemeinde Porz kamen nach Köln (Sammellager Köln-Müngersdorf) und von
dort weiter in die Vernichtungslager des Ostens.
Am 5.3.1945 hatten die amerikanischen Truppen Köln besetzt, etwa 30-40 Juden,die sich der Deportation
durch verstecken hatten entziehen können,verliessen ihre Untertauchstationen und im Verlauf des Jahres
kehrten noch einige Juden aus Theresienstadt zurück.
Am 18.5.1953 verlieh die Landesregierung der Synagogengemeinde erneut die Rechte einer Körperschaft
des öffentlichen Rechts.

In Porz ist bis zur Gegenwart keine neue Spezialsynagogengemeinde gegründet worden.
Die Pfarrkirche St. Mariä Geburt mahnt an das Unrecht der NS-Zeit:
im Jahr 1962 erhielt die Kirche im Längsschiff neue Fenster mit der Darstellung der 8 Seligkeiten aus der
Bergpredigt, das letzte Fenster kündet von der Vergasung der Kölner Nonne Edith Stein.
Diese einzige Darstellung mag stellvertretend sein für das Schicksal der ehemaligen jüdischen Gemeinde
in Niederzündorf.